Sonntag, 21. September 2014

Die ersten vier Wochen

Jetzt bin ich schon einen Monat in Malawi! In dieser Zeit ist unglaublich viel passiert. Ich habe sehr viele für mich ungewohnte Dinge gesehen und lerne täglich dazu. Das Wichtigste gibt es jetzt in der Kurzfassung:

Arbeit
Seit zwei Wochen arbeite ich von Montag bis Freitag im House of Hope. Vormittags bin ich im Kindergarten, wo ich mit den Kindern spiele und ihnen gemeinsam mit den Erziehern erste englische Vokabeln beibringe. Wir üben zum Beispiel die Wochentage, die Monatsnamen und die Zahlen von eins bis zwanzig. Nachmittags assistiere ich im Unterricht in den after school classes. Dabei geht es größtenteils darum, den Lehrern beim Korrigieren von Aufgaben zu helfen, die die Schüler im Englisch-, Mathematik- oder Chichewaunterricht gelöst haben. Die ersten beiden Wochen waren eine Art Eingewöhnungsphase für mich. Wahrscheinlich werde ich nach und nach mehr Aufgaben übernehmen.

Sprache
Die Kinder im House of Hope sprechen größtenteils nur Chichewa. Das macht es für mich etwas schwieriger, mich mit ihnen zu verständigen, da ich bis jetzt nur wenige Worte auf Chichewa spreche. Aber die Kommunikaton funktioniert auch über Gestik und Mimik, also eine Art Zeichensprache. Das Wort, welches ich zur Zeit am häufigsten verwende, ist „basi“, was so viel wie „genug“ oder „es reicht“ bedeutet. Ich kann es inzwischen dankend, genervt, kapitulierend und bittend betonen.

Essen
Jeden Mittag gibt es im House of Hope n´sima mit verschiedenen Beilagen. Das ist ein für Malawi typischer Brei, der aus Maismehl und Wasser zubereitet wird. Dazu gibt es verschiedene Bohnensorten oder Rührei mit gekochten Kürbisblättern. N´sima wird mit bloßen Händen gegessen. Man formt aus einem Teil des Breis mit der rechten Hand eine kleine Kugel, in die dann mittig eine Kuhle gedrückt wird. Damit nimmt man die Beilage auf und balanciert das Ganze zum Mund. Am Anfang ist das etwas schwierig, jedoch gewöhnt man sich schnell daran.

Musik
An einem der vergangenen Wochenenenden war ich gemeinsam mit meiner Mitbewohnerin auf einem kleinen Festival direkt am See. Dort habe ich zum ersten Mal die angesagte malawische Musik gehört. Wer sich dafür interessiert, sollte mal nach den Namen Paul Banda, Skeffa Chimoto, den Soul Raiders, Lulu und den Black Missionaries umhören. Das sind Künstler aus Malawi und den angrenzenden Nachbarländern wie Sambia. Besonders beeindruckt haben mich bei diesem Festival die tanzenden malawischen Frauen. Einige von ihnen konnten unglaublich mit den Hüften wackeln und ihren gesamten Unterkörper schütteln, da hat man beim Zuschauen fast selbst das Tanzen vergessen.

Verkehrsmittel
Um von einem Punkt zum anderen zu gelangen, habe ich hier schon die verschiedensten Verkehrsmittel benutzt. Am weitesten verbreitet ist die Nutzung von Minibussen. Diese fahren auf verschiedenen Strecken in fast alle Viertel und der Großteil trifft sich am zentral gelegenen Busdepot. Es gibt keine offiziellen Haltestellen für diese Busse. Die meisten Menschen stellen sich einfach an Stellen, an denen das Anhalten günstig ist, an den Straßenrand und werden dort eingesammelt. Für meinen Weg zur Arbeit nutze ich jeden Tag diese Minibusse und bin auch immer gut angekommen. Am Depot selbst fahren die Busse erst dann los, wenn jeder Platz besetzt ist. Auf einer Sitzreihe mit drei Plätzen nehmen dann immer vier Menschen Platz. Das ist natürlich sehr eng, aber man kommt so auch gut mit den Menschen ins Gespräch. In Malawi ist es tagsüber auch kein Problem, per Anhalter zu fahren. Dabei muss man allerdings wissen, dass hier nicht das „Daumen-raus-Zeichen“ gilt. Stattdessen wird mit ausgestrecktem Arm und flacher Hand, leicht von oben nach unten gewunken, als ob man das herannahende Auto entschleunigen wollte. Und dabei nicht vergessen: Lächeln!

Ungewohntes
Es gibt einige Dinge, an die ich mich hier erst gewöhnen muss. So hat es einige Tage gebraucht, bis mich der Linksverkehr nicht mehr überrascht hat. Bis jetzt finde ich es an Kreuzungen oft noch verwirrend, wer denn eigentlich gerade Vorfahrt hat. Malawi ist in dieser Hinsicht von der englischen Kolonialherrschaft geprägt.
Außerdem nimmt der Mond nicht von rechts nach links ab, sondern von oben nach unten und ich erkenne hier keine Sternbilder. Das liegt natürlich daran, dass ich mich auf der Südhalbkugel unserer Erde befinde.
Abends fällt in unserem Viertel manchmal der Strom aus, aber während man noch dabei ist, Kerzen anzuzünden und sich innerlich mit einem „candlelight dinner“ arrangiert, flackert das Licht oft schon wieder auf. Der Jubel, der dann für eine Minute im Viertel herrscht, ist unbeschreiblich!

Ganz viele liebe Grüße!
Henriette

Wo die wilden Kerle wohnen

Na gut, "Kerle" sind wir nun nicht gerade und auch über "wild" lässt sich wahrscheinlich diskutieren... Ich möchte euch trotzdem gerne zeigen, wo ich zur Zeit wohne. Ende August bin ich bei Jana eingezogen, einer deutschen Freiwilligen, die schon ein Jahr in Malawi lebt und ihren Freiwilligendienst um ein weiteres Jahr verlängert hat. Zusammen wohnen wir jetzt also in einer WG in Biwi, einem Viertel im Süden Lilongwes. Ich glaube, ich zeige euch alles am besten in einem kleinen Rundgang:
Von der Straße aus sieht man zuerst das grüne Tor, durch welches man auf das Grundstück gelangt. Hier stehen neben unserem Haus links und rechts jeweils noch ein weiteres, die beide von sehr hilfsbereiten Nachbarn bewohnt werden.
 Und so sieht unser Haus am frühen Morgen bei schönstem Sonnenschein aus:
Das Zentrum unseres Hauses ist der gemütliche Wohn- und Essraum. Hier steht auch ein Gästebett, das regelmäßig von vorbei schauenden Besuchern genutzt wird.
Und so sieht mein Zimmer aus, in dem ich es mir nach und nach immer gemütlicher einrichte. Über dem Bett hängt ein großes Moskitonetz - wenn man darunter liegt, hat man glatt ein Himmelbettgefühl, aber hauptsächlich soll es vor Mückenstichen und somit vor der Übertragung von Malaria schützen.
Das hier ist unsere Küche, in der wir abends manchmal gemeinsam kochen oder uns ein leckeres Bananenbrot backen.
Besonders beliebt bei Besuchern, sind unsere Toilette mit funktionierender Spülung...
... und unser kleines Bad mit Dusche, die auf Knopfdruck auch warmes Wasser verteilt. Das ist in Malawi nicht selbstverständlich. Gerade in ländlicheren Regionen sind viele Häuser nicht an Wasserleitungen angeschlossen und die Menschen holen sich das nötige Wasser oft mehrmals täglich aus Brunnen.
Hinter dem Haus liegt ein kleiner Hof, auf dem sich eine Waschstelle befindet, an der wir unsere Kleidung waschen können und über den einige Wäscheleinen gespannt sind.
Ich hoffe, ihr habt mit diesen Bildern einen ersten Einblick in mein derzeitiges Leben in Lilongwe erhalten. Ich fühle mich in diesem Haus von Tag zu Tag wohler und freue mich nach einem anstrengenden Tag richtig darauf, hierhin zurück kehren zu können!



Samstag, 20. September 2014

Prolog

Für jede Reise braucht es eine gewisse Vorbereitung. Je kürzer die Zeit, für die man unterwegs ist, desto weniger muss man wahrscheinlich bedenken. Für die 11 Monate, die ich in Malawi verbringen werde, bedarf es deshalb einer besonders gründlichen Vorbereitung.
Diese begann für mich im Juli, mit dem Besuch eines zehntägigen Seminars meiner Organisation Kolping. Während dieses Seminars hatten einige der zukünftigen Freiwilligen sogar schon die Möglichkeit, die Mentoren ihres Projektes kennenzulernen, denn einige Projektleiter waren aus Asien, Afrika, Latein- und Südamerika angereist, um uns einen ersten Einblick in die für uns neue und fremde Kultur zu geben. Für meinen Leiter war dies leider nicht möglich, aber dafür waren zwei andere Mentoren aus Malawi angereist. Im Verlauf des Seminars hatten wir einige Einheiten gemeinsam mit den Projektleitern, für andere wurden Mentoren und Freiwillige in zwei Gruppen geteilt.
Als Freiwillige haben wir uns viel mit unserer Identität und unseren Vorstellungen und Ängsten hinsichtlich des Auslandsjahres beschäftigt. Es tat sehr gut, sich mit anderen Jugendlichen auszutauschen, die den selben Schritt wagen und für mehrere Monate ins Ausland gehen. Die meisten haben vor einer solchen Reise Zweifel oder Bedenken und angenehmerweise waren fast alle bereit, sich darüber auszutauschen. Wir wurden darauf vorbereitet, dass besonders die erste Zeit in einer fremden Umgebung hart ist, dass man alltäglichen Dinge, wie das Einkaufen erst neu lernen muss und auch der Kontakt zu den Mitmenschen sich zu Beginn oft schwierig gestaltet.
Außerdem wurden wir über das Thema Rassismus umfassend aufgeklärt, denn auch wenn inzwischen Worte wie „Negerkuss“ in der deutschen Sprache verboten sind, so finden sich dennoch unzählige andere Beispiele wie „Stamm“, die bei uns eindeutig negative oder primitive Vorstellungen hervorrufen, oft ohne, dass wir uns dessen überhaupt bewusst sind. Die Einheit „against rascism“ hat mir dafür die Augen geöffnet und mich zum Nachdenken angeregt. Eine andere Einheit, welche mich lange beschäftigt hat, befasste sich mit der kritischen Sicht auf den Freiwilligendienst. Was kann ich Jugendlicher ohne Ausbildung oder Beruf in einem Land leisten, dessen Kultur und Sprache mir fremd sind? Bin ich es wirklich wert, mit Geldern gefördert zu werden? Über diese Fragen haben wir viel diskutiert und sind schlussendlich zu der Erkenntnis gekommen: Ja, wir sind es wert! Wir werden zwar mit unserem Freiwilligendienst nicht die Welt verbessern oder großartig Hilfe leisten, aber wir tragen damit zur interkulturellen Verständigung zwischen Ländern und Kulturen bei. Wir sind vielleicht nicht ausgebildet, aber wir bringen Zeit und den Willen mit, andere Menschen kennenzulernen, uns auf sie einzulassen und mit der Zeit vielleicht ihre Lebensweise besser zu verstehen. Außerdem wollen wir von unseren Erfahrungen und Erlebnissen berichten, um auch anderen einen Einblick in fremde Länder und Sitten zu ermöglichen.
Neben all diesen theoretischen Gedankengängen, bekamen wir auch einige praktische Hinweise, zum Beispiel in der Medizineinheit, in der wir über Krankheiten und den Schutz vor ihnen aufgeklärt wurden sowie in Form einer Packliste mit Dingen, die für einen längeren Auslandsaufenthalt praktisch oder unabkömmlich sind.
Zur selben Zeit gab es für die Mentoren Einheiten über den Umgang mit Freiwilligen, Konfliktlösung und ihre Rolle als Ansprechpartner. In der gemeinsamen Zeit erfolgte ein erster Austausch über die Sitten der jeweiligen Länder mit Hinweisen auf das Verhalten in verschiedenen Situationen und die Kleiderordnung. Desweiteren gab es einen kleinen Sprachkurs, für uns Malawifreiwillige ging es dabei natürlich darum, erste Worte und Redewendungen in Chichewa, der Landessprache Malawis zu lernen. Gerade in diesen Einheiten wurden wir von einigen ehemaligen Freiwilligen unterstützt, die ihr Auslandsjahr zum Teil erst wenige Tage oder Wochen zuvor beendet hatten und uns bereitwillig viel über ihre Länder und Projekte erzählten. Das war unglaublich hilfreich, denn aus den Erzählungen der Mentoren und der Vorfreiwilligen ergab sich ein erstes Bild unseres Reiseziels.
Dieses Vorbereitungsseminar hat mir insgesamt sehr viel weitergeholfen! Es hat mich die anderen Freiwilligen und die Mentoren besser kennen lernen lassen und meine Vorfreude auf das bevorstehende Auslandsjahr trotz kritischer Einheiten nur noch gesteigert.
Die restlichen Vorbereitungen waren vergleichsweise unbedeutend. Die verschiedensten Impfungen mussten im Tropenzentrum durchgeführt und eine Reiseapotheke zusammengestellt werden. Schlussendlich wurde alles Nötige in einen Koffer und meinen Wanderrucksack gepackt und dann...
folgte der schwere Abschied von Familie und Freunden, bis es wirklich los ging! 11 Monate in Malawis Hauptstadt Lilongwe warten auf mich...