Viel zu spät hat letztes Jahr die
Regenzeit in Malawi begonnen. Normal wäre Ende November oder Anfang
Dezember gewesen, doch die Malawier mussten bis Ende Dezember auf den
ersten richtigen Regen warten. Als es dann endlich das erste Mal wie
aus Eimern goss, war die Freude riesig! Endlich konnte mit dem
Maisanbau begonnen werden. Jedes verfügbare Stück Erde wurde
umgegraben und für die Aussaat vorbereitet. Wahrscheinlich hat jeder
malawischer Haushalt einen Flecken Erde, sei es ein richtiges Feld
oder nur zwei Meter vor dem eigenen Haus, auf dem Mais angebaut wird,
denn das ist hier das Hauptnahrungsmittel. Aus Maismehl wird zum
Frühstück phala (ein süßer Brei) gekocht, zum Mittag gibt es
dann nsima (ein herzhafter Brei). Viele Frauen verkaufen am
Straßenrand ein milchähnliches, nahrhaftes Getränk, welches aus
Mais zubereitet wird und auch Bier und Schnaps werden aus Mais
gebraut. Man findet auch Grillstände entlang der Straße, an denen
Männer frisch gegrillten Mais verkaufen und manche Frauen tragen in
großen Körben gekochten Mais auf dem Kopf, der so frisch zubereitet
gleich verzehrt werden kann. Mais ist also wahrscheinlich das
wichtigste Lebensmittel Malawis und endlich konnte er angebaut
werden. Die Freude war wirklich unbeschreiblich!
Doch in den letzten Wochen hat sich die
Stimmung merklich verändert. Der Regen schien die verpasste Zeit
aufholen zu wollen und wurde stärker und stärker, bis es nun zur
Katastrophe kam. Der Süden Malawis steht unter Wasser! Ganze Dörfer
wurden einfach fortgespült. Die erschreckende Bilanz bisher: 48
Tote, zahlreiche Vermisste und 50 000 Flüchtlinge, die aus den
überspülten Gebieten geflohen sind. Viele Menschen haben über
Nacht alles verloren. Der malawische Präsident Peter Mutharika hat
letzte Woche nun endlich ein Drittel des Landes als
Katastrophengebiet (disaster area) ausrufen lassen und internationale
Hilfe angefordert.
Das schreckenerregendste an dieser
Situation war für mich meine tagelange Unwissenheit! Ich habe hier
in der Haupstadt Lilongwe viel zu lange nichts von der Katastrophe
mitbekommen. Auch hier hat es sehr stark geregnet, die Straßen
verwandelten sich teilweise in Flüsse und mein Mentor Elia hat auf
Arbeit ein paar ernste Worte an uns gerichtet. Die Area in der ich
arbeite, gleicht nämlich eher einem Dorf und die Häuser sind nur
unzureichend befestigt. In der Regenzeit kommt es immer wieder dazu,
dass Häuser einstürzen und die Bewohner mit in den Tod reißen,
wenn diese schlafen, weshalb uns Elia gebeten hat, für die Menschen
in Area 24 zu beten. Ende letzten Jahres ist wohl auch ein Kind aus
dieser Gegend auf Grund der starken Regenfälle verstorben. Eine
Stromleitung hatte sich von den Masten gelösten und lag quer über
einer der kleinen Straßen, weshalb das Kind, als es sich schnell vor
dem Regen nach Hause retten wollte, darauf trat. Trotz all dieser
schrecklichen Zeichen, habe ich von der eigentlichen Katastrophe erst
durch die deutschen Nachrichten erfahren. Wie konnte das passieren?
Wie kann man so nah am Geschehen sein und trotzdem nichts davon
mitbekommen? Erst heute habe ich mich durch eine malawische
Tageszeitung, die auf Arbeit herum lag, genauer über die derzeitige
Lage informieren können. Diese ist schon erschreckend genug, doch
auch der Blick in die Zukunft ist düster. Da durch die Flut auch
viele Felder und mit ihnen die kleinen neu aus dem Boden gebrochenen
Maispflanzen zerstört wurden, droht den Bewohnern Malawis in
absehbarer Zeit eine Hungersnot. Viele Menschen, die nur für den
Eingenbedarf, also für das Überleben ihrer Familie angebaut haben,
stehen nun vor einem Scherbenhaufen. In ganz Malawi wird das
Hauptnahrungsmittel Mais fehlen. Nun stellt sich mir natürlich die
Frage: Was kann ich tun? Die ersten Sammelaktionen am letzten
Donnerstag und Freitag habe ich leider verpasst. Hier in Lilongwe
wurden an einem zentralen Punkt warme Kleidung, Maismehl und Schecks
angenommen, welche so schnell wie möglich an Bedürftige verteilt
werden sollen. Doch das sind erstmal nur kurzfristige Maßnahmen, die
zur ersten Hilfe beitragen. Was wird später zur Problemlösung
beigetragen werden und was kann ich dann tun? Das kann zur Zeit wohl
noch niemand sagen, aber für mich steht fest, dass ich mich in
Zukunft besser informieren werde. Ich möchte wissen, was in dem Land
vorgeht, in welchem ich derzeit lebe! Ein erster Schritt für mich
ist es, regelmäßig die lokalen Zeitungen zu lesen...
♥
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