Sonntag, 26. Oktober 2014

Mulanje Mountain

Es ist schon überraschend, wenn man an einem Montagnachmittag erfährt, dass die Arbeitswoche nach dem Dienstag endet! Am Mittwoch, dem 15 Oktober, wurde nämlich in Malawi Muttertag gefeiert. Schon Wochen vorher wurden in den Straßen bunte Stoffe, die hier chitenje genannt werden, mit dem Aufdruck „Happy Mothersday“ verkauft und von den Frauen auch fleißig getragen. Am Muttertag selbst haben alle Malawier frei und in meinem Projekt wurden sogar die darauffolgenden beiden Tage freigegeben. Ich glaube, die Kinder haben sich alle sehr über diese kurzen Ferien gefreut! Ich musste nicht lange überlegen, was ich mit meiner freien Zeit anfangen sollte, denn meine koreanische Mitfreiwillige Mary hat mich gefragt, ob ich nicht Lust hätte, mit ihr zu verreisen. Ihre Plan war es, eine kleine Hüttentour auf dem Mt. Mulanje, der im Süden Malawis liegt, zu wagen. Da bin ich dabei!
Wir haben uns deshalb am Mittwochmorgen am Busdepot getroffen und einen Bus nach Blantyre gesucht. Diese Stadt liegt im Süden Malawis und wird oft als eigentliche Haupstadt des Landes bezeichnet. Vom Erscheinungsbild her sieht Blantyre wesentlich europäischer als Lilongwe aus, doch auch hier spürt man die malawische Mentalität, denn auch wenn mehr Häuser nach europäischem Vorbild zu sehen sind, so feilscht man auf dem Markt doch, wie überall in Malawi. An unserem ersten Reisentag haben wir es nur bis dorthin geschafft, da es bei unserer Ankunft schon Abend wurde und es nicht empfehlenswert ist, nach Einbruch der Dunkelheit in einer fremden Stadt anzukommen. Die Nacht haben wir somit in einer kleinen Lodge verbracht und sind erst am nächsten Tag an unserem eigentlichen Ziel angekommen. Am Fuß des Mt. Mulanje liegt das gleichnamige Dorf, in dessen Touristeninformation man Beratung für eine Wanderung in den Bergen bekommt. Richard, der Leiter der Information, hat freundlich lächelnd von unserem Plan Kenntnis genommen, den Berg noch am selben Tag zu besteigen und uns im Anschluss erklärt, dass er diese Idee nicht für ausgereift hält. Wir kamen nämlich gegen Mittag in sein Büro und in Malawi hat gerade die heiße und trockene Jahreszeit begonnen. Unser gut durchdachter Plan wurde also in wenigen Minuten zu einer Schnapsidee. Aber gemeinsam mit Richard wurde kurzerhand ein Plan B erstellt, der vorsah, sehr zeitig am nächsten Morgen zu starten, um die Morgenfrische zu nutzen. Außerdem hat er uns einen guide vermittelt, welcher das Gebirge wie seine Westentasche kennt. Die Wege auf dem Mulanje Mountain sind nämlich nur spärlich beschriftet und es besteht somit die ernstzunehmende Gefahr, sich beim Aufstieg oder bei der Wanderung auf dem Plateau zu verirren. Mary entschied sich außerdem dazu, einen porter zu engagieren, da sie es sich nicht zutraute, die Wanderung mit ihrem großen Rucksack auf dem Rücken zu bewältigen. Da wir nun unverhoffterweise den Tag zur freien Verfügung hatten, haben wir uns ein gemütliches Abendessen in der Pizzeria von Mulanje gegönnt. Im Inneren des Restaurants habe ich folgende Inschrift entdeckt:
A recent legend suggests, that J.R. Tolkien climbed Mulanje Mountain before he wrote `The Hobbit´ and based several aspects of the book on the trip, going so far to name the homeland of its protagonists after nearby Shire River.“ Der Buchautor J.R. Tolkien soll also Inspirationen für sein Werk „Der kleine Hobbit“ beim Wandern auf dem Mulanje Mountain gefunden haben...
Blick von Mulanje aus auf die Teeplantagen und den Mt. Mulanje
Am Donnerstag treffen wir uns in aller Frühe mit unserem guide und dem porter, die sich als Simon und Jones vorstellen. Gemeinsam starten wir unsere 3-tägige Hüttentour. Der Weg führt uns zunächst gemütlich durch unzählige Teeplantagen, die den Mulanje Mountain wie ein grüner Gürtel umgeben. Hier wird der Chombe-Tee angebaut, eine malawische Schwarzteesorte.
Simon, Jones und Mary beim Durchqueren der Teefelder
Der danach folgende Aufstieg ist unglaublich hart. Der steil bergauf führende Weg schlängelt sich am Fuß des Gebirges durch einen beinahe tropisch anmutenden Wald, bevor die Bäume nach und nach immer weniger werden und einer steinigen, kargen Landschaft mit vereinzelte Sträuchern Platz schaffen. Schon bald kommen wir trotz der kühlen morgendlichen Temperaturen ins Schwitzen und müssen alle paar Meter eine kurze Pause zum Luftholen einlegen. Mein Mantra für diesen Aufstieg: Wenn J.R. Tolkien es geschafft hat, dann schaffe ich das auch! Auf ungefähr 2000m Höhe endet unsere Kraxelei und wir kommen auf dem Plateau des Gebirges an, aus dem sich einzelne Gipfel erheben. Der höchste Gipfel (ca. 3007m) wird von den Malawiern „Sapitwe“ genannt, was übersetzt so viel wie „geh dort nicht hin“ bedeutet. Das haben wir auch nicht gemacht. Stattdessen sind wir gegen Mittag bei der CCAP Hut, einer kleinen Berghütte angekommen und haben dort übernachtet und Energie für den nächsten Tag gesammelt. Hier habe ich auch den ersten Regen erlebt, seitdem ich in Malawi angekommen bin! Ein ordentliches Gewitter zieht am Abend über das Gebirge hinweg.
In der CCAP Hut
Als wir am Freitagmorgen starten, ist es durch die viele Feuchtigkeit sehr nebelig. Man sieht kaum seinen Vordermann. Wir überqueren auf unserem Weg einige Hügelketten und nach jeder scheint sich die Landschaft zu verändern. Zunächst laufen wir durch eine Graslandschaft, die später von wäldlichen Gebieten abgelöst wird. Hier sieht man leider immer wieder schwarze, verbrannte Flächen, die die Folge illegaler Abholzung sind. In den Dörfern um den Berg wird nämlich das Feuerholz knapp, weshalb viele Dörfler sich das benötigte Holz auf dem Plateau besorgen. Das ist jedoch verboten, da es sich bei den Bäumen unter anderem um die geschützte Mulanje-Zeder handelt. Wer bei der Abholzung erwischt wird, dem drohen harte Strafen. Deshalb legen einige Dorfbewohner an einer Stelle in dem Gebirge Feuer, welches dann alle Aufmerksamkeit auf sich zieht und fällen zur gleichen Zeit an einem entfernten Ort Bäume. Auf der einen Seite ist die Not der Dorfbewohner natürlich verständlich, doch werden dabei leider Naturräume nachhaltig zerstört. Eine Lösung für dieses Problem wurde bis jetzt noch nicht wirklich gefunden...
Mary, guide Simon, ich und porter Jones
Wunderschöner Blick auf einen Gipfel
Bevor wir unser Tagesziel erreichen, führt uns der Weg durch eine Farnlandschaft mit schulterhohen Gewächsen. Mitten in dieser Landschaft steht „Frances Cottages“, unsere Berghütte für diese Nacht. Sie ist nach einem Malawier benannt, der bei dem Versuch, einen der Bergflüsse an ein Seil gebunden zu durchschwimmen, ums Leben kam.
Frances Cottage
Am Nachmittag unternehmen wir einen kleinen Spaziergang in der näheren Umgebung. Es ist immer noch sehr neblig und ich erschrecke ziemlich, als aus dem Nebel plötzlich drei große Holzkreuze auftauchen, da ich sofort an ein Unglück denken muss. Simon und Jones erklären uns aber, dass jedes Jahr um die Osterzeit ein solches Kreuz von den Bewohnern der umliegenden Dörfer herauf getragen wird. Dabei singen die Dorfbewohner und stellen die verschiedenen Stationen des Kreuzweges Christi nach. Mary fragt unseren guide nach Bibelliedern auf Chichewa und schon beginnt eine richtige Chorprobe. Das Resultat haben wir in der Hütte sogar aufgenommen.
Die drei Osterkreuze im Nebel
Am Sonntagmorgen haben wir uns wieder sehr früh auf den Weg gemacht und den steilen Abstieg zum Fuß des Berges gewagt. Da wir kurz nach dem Sonnenaufgang gestartet sind, war die ganze Szenerie in ein wunderschönes Licht getaucht. Auch der Abstieg war nicht leicht zu bewältigen und Mary und ich haben oft unsere Hände zur Hilfe genommen oder uns auf dem Hinterteil ein Stück nach unten gleiten lassen. Wir haben uns außerdem entschieden, einen kleinen Umweg auf uns zu nehmen, um die Likhubula Falls ansehen zu können. Dabei handelt es sich um wunderschöne Wasserfälle, die in tiefe Wasserbecken münden, in denen man sogar baden kann. Leider drängte bei uns die Zeit, da wir noch am selben Tag den Rückweg nach Lilongwe schaffen wollten. Der Besuch der Wasserfälle war aber ein schöner Abschluss unserer Hüttentour!
Likhubula Falls
Am späten Vormittag kamen wir dann wieder in Mulanje an, mit Muskelkater an Stellen des Körpers, an denen man gar keine Muskeln vermutet... Ich glaube nicht nur mir, sondern auch Mary fiel der Abschied vom Mt. Mulanje und von Simon und Jones schwer, als wir uns wieder in den Minibus nach Blantyre gesetzt haben. Am Abend waren wir dann wieder in Lilongwe - zumindest körperlich. Der Kopf mit all seinen Gedanken ist noch eine Weile bei den Bergen geblieben!
Thanks for the visit!

3 Kommentare:

  1. wunderschöne Landschaft und gut geschriebener Bericht! Und vom "warmen Herz Afrikas" scheint es ja nicht allzu weit bis Mittelerde zu sein :-)

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  2. schbin schon ein bisserl neidisch so hmrmrmr :DD so goil, hobbithennsen <3

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  3. Liebe Henriette ich bin sehr erfreut über Deine Berichte. Du gibst mir einen tollen Eindruck in das Leben, welches Du 1 Jahr genießen möchtest. Deine Berichte sind so gut und ausführlich zu lesen, dass ich auch merke, es ist Dein Weg. Ich wünsche Dir viel Freude und bleib gesund.

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