Es ist schon überraschend, wenn man an
einem Montagnachmittag erfährt, dass die Arbeitswoche nach dem
Dienstag endet! Am Mittwoch, dem 15 Oktober, wurde nämlich in Malawi
Muttertag gefeiert. Schon Wochen vorher wurden in den Straßen bunte
Stoffe, die hier chitenje genannt werden, mit dem Aufdruck „Happy
Mothersday“ verkauft und von den Frauen auch fleißig getragen. Am
Muttertag selbst haben alle Malawier frei und in meinem Projekt
wurden sogar die darauffolgenden beiden Tage freigegeben. Ich glaube,
die Kinder haben sich alle sehr über diese kurzen Ferien gefreut!
Ich musste nicht lange überlegen, was ich mit meiner freien Zeit
anfangen sollte, denn meine koreanische Mitfreiwillige Mary hat mich
gefragt, ob ich nicht Lust hätte, mit ihr zu verreisen. Ihre Plan
war es, eine kleine Hüttentour auf dem Mt. Mulanje, der im Süden
Malawis liegt, zu wagen. Da bin ich dabei!
Wir haben uns deshalb am Mittwochmorgen
am Busdepot getroffen und einen Bus nach Blantyre gesucht. Diese
Stadt liegt im Süden Malawis und wird oft als eigentliche Haupstadt
des Landes bezeichnet. Vom Erscheinungsbild her sieht Blantyre
wesentlich europäischer als Lilongwe aus, doch auch hier spürt man
die malawische Mentalität, denn auch wenn mehr Häuser nach
europäischem Vorbild zu sehen sind, so feilscht man auf dem Markt
doch, wie überall in Malawi. An unserem ersten Reisentag haben wir
es nur bis dorthin geschafft, da es bei unserer Ankunft schon Abend
wurde und es nicht empfehlenswert ist, nach Einbruch der Dunkelheit
in einer fremden Stadt anzukommen. Die Nacht haben wir somit in einer
kleinen Lodge verbracht und sind erst am nächsten Tag an unserem
eigentlichen Ziel angekommen. Am Fuß des Mt. Mulanje liegt das
gleichnamige Dorf, in dessen Touristeninformation man Beratung für
eine Wanderung in den Bergen bekommt. Richard, der Leiter der
Information, hat freundlich lächelnd von unserem Plan Kenntnis
genommen, den Berg noch am selben Tag zu besteigen und uns im
Anschluss erklärt, dass er diese Idee nicht für ausgereift hält.
Wir kamen nämlich gegen Mittag in sein Büro und in Malawi hat
gerade die heiße und trockene Jahreszeit begonnen. Unser gut
durchdachter Plan wurde also in wenigen Minuten zu einer Schnapsidee.
Aber gemeinsam mit Richard wurde kurzerhand ein Plan B erstellt, der
vorsah, sehr zeitig am nächsten Morgen zu starten, um die
Morgenfrische zu nutzen. Außerdem hat er uns einen guide vermittelt,
welcher das Gebirge wie seine Westentasche kennt. Die Wege auf dem
Mulanje Mountain sind nämlich nur spärlich beschriftet und es
besteht somit die ernstzunehmende Gefahr, sich beim Aufstieg oder bei
der Wanderung auf dem Plateau zu verirren. Mary entschied sich
außerdem dazu, einen porter zu engagieren, da sie es sich nicht
zutraute, die Wanderung mit ihrem großen Rucksack auf dem Rücken zu
bewältigen. Da wir nun unverhoffterweise den Tag zur freien
Verfügung hatten, haben wir uns ein gemütliches Abendessen in der
Pizzeria von Mulanje gegönnt. Im Inneren des Restaurants habe ich
folgende Inschrift entdeckt:
„A recent legend suggests, that
J.R. Tolkien climbed Mulanje Mountain before he wrote `The Hobbit´
and based several aspects of the book on the trip, going so far to
name the homeland of its protagonists after nearby Shire River.“ Der Buchautor J.R.
Tolkien soll also Inspirationen für sein Werk „Der kleine Hobbit“
beim Wandern auf dem Mulanje Mountain gefunden haben...
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| Blick von Mulanje aus auf die Teeplantagen und den Mt. Mulanje |
Am Donnerstag
treffen wir uns in aller Frühe mit unserem guide und dem porter, die
sich als Simon und Jones vorstellen. Gemeinsam starten wir unsere
3-tägige Hüttentour. Der Weg führt uns zunächst gemütlich durch
unzählige Teeplantagen, die den Mulanje Mountain wie ein grüner
Gürtel umgeben. Hier wird der Chombe-Tee angebaut, eine malawische
Schwarzteesorte.
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| Simon, Jones und Mary beim Durchqueren der Teefelder |
Der danach folgende Aufstieg ist unglaublich hart.
Der steil bergauf führende Weg schlängelt sich am Fuß des Gebirges
durch einen beinahe tropisch anmutenden Wald, bevor die Bäume nach
und nach immer weniger werden und einer steinigen, kargen Landschaft
mit vereinzelte Sträuchern Platz schaffen. Schon bald kommen wir
trotz der kühlen morgendlichen Temperaturen ins Schwitzen und müssen
alle paar Meter eine kurze Pause zum Luftholen einlegen. Mein Mantra
für diesen Aufstieg: Wenn J.R. Tolkien es geschafft hat, dann
schaffe ich das auch! Auf ungefähr 2000m Höhe endet unsere Kraxelei
und wir kommen auf dem Plateau des Gebirges an, aus dem sich einzelne
Gipfel erheben. Der höchste Gipfel (ca. 3007m) wird von den
Malawiern „Sapitwe“ genannt, was übersetzt so viel wie „geh
dort nicht hin“ bedeutet. Das haben wir auch nicht gemacht.
Stattdessen sind wir gegen Mittag bei der CCAP Hut, einer kleinen
Berghütte angekommen und haben dort übernachtet und Energie für
den nächsten Tag gesammelt. Hier habe ich auch den ersten Regen
erlebt, seitdem ich in Malawi angekommen bin! Ein ordentliches
Gewitter zieht am Abend über das Gebirge hinweg.
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| In der CCAP Hut |
Als wir am
Freitagmorgen starten, ist es durch die viele Feuchtigkeit sehr
nebelig. Man sieht kaum seinen Vordermann. Wir überqueren auf
unserem Weg einige Hügelketten und nach jeder scheint sich die
Landschaft zu verändern. Zunächst laufen wir durch eine
Graslandschaft, die später von wäldlichen Gebieten abgelöst wird.
Hier sieht man leider immer wieder schwarze, verbrannte Flächen, die
die Folge illegaler Abholzung sind. In den Dörfern um den Berg wird
nämlich das Feuerholz knapp, weshalb viele Dörfler sich das
benötigte Holz auf dem Plateau besorgen. Das ist jedoch verboten, da
es sich bei den Bäumen unter anderem um die geschützte
Mulanje-Zeder handelt. Wer bei der Abholzung erwischt wird, dem
drohen harte Strafen. Deshalb legen einige Dorfbewohner an einer
Stelle in dem Gebirge Feuer, welches dann alle Aufmerksamkeit auf
sich zieht und fällen zur gleichen Zeit an einem entfernten Ort
Bäume. Auf der einen Seite ist die Not der Dorfbewohner natürlich
verständlich, doch werden dabei leider Naturräume nachhaltig
zerstört. Eine Lösung für dieses Problem wurde bis jetzt noch
nicht wirklich gefunden...
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| Mary, guide Simon, ich und porter Jones |
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| Wunderschöner Blick auf einen Gipfel |
Bevor wir unser Tagesziel erreichen, führt
uns der Weg durch eine Farnlandschaft mit schulterhohen Gewächsen.
Mitten in dieser Landschaft steht „Frances Cottages“, unsere
Berghütte für diese Nacht. Sie ist nach einem Malawier benannt, der
bei dem Versuch, einen der Bergflüsse an ein Seil gebunden zu
durchschwimmen, ums Leben kam.
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| Frances Cottage |
Am Nachmittag unternehmen wir einen
kleinen Spaziergang in der näheren Umgebung. Es ist immer noch sehr
neblig und ich erschrecke ziemlich, als aus dem Nebel plötzlich drei
große Holzkreuze auftauchen, da ich sofort an ein Unglück denken
muss. Simon und Jones erklären uns aber, dass jedes Jahr um die
Osterzeit ein solches Kreuz von den Bewohnern der umliegenden Dörfer
herauf getragen wird. Dabei singen die Dorfbewohner und stellen die
verschiedenen Stationen des Kreuzweges Christi nach. Mary fragt
unseren guide nach Bibelliedern auf Chichewa und schon beginnt eine
richtige Chorprobe. Das Resultat haben wir in der Hütte sogar
aufgenommen.
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| Die drei Osterkreuze im Nebel |
Am Sonntagmorgen
haben wir uns wieder sehr früh auf den Weg gemacht und den steilen
Abstieg zum Fuß des Berges gewagt. Da wir kurz nach dem
Sonnenaufgang gestartet sind, war die ganze Szenerie in ein
wunderschönes Licht getaucht. Auch der Abstieg war nicht leicht zu
bewältigen und Mary und ich haben oft unsere Hände zur Hilfe
genommen oder uns auf dem Hinterteil ein Stück nach unten gleiten
lassen. Wir haben uns außerdem entschieden, einen kleinen Umweg auf
uns zu nehmen, um die Likhubula Falls ansehen zu können. Dabei
handelt es sich um wunderschöne Wasserfälle, die in tiefe
Wasserbecken münden, in denen man sogar baden kann. Leider drängte
bei uns die Zeit, da wir noch am selben Tag den Rückweg nach
Lilongwe schaffen wollten. Der Besuch der Wasserfälle war aber ein
schöner Abschluss unserer Hüttentour!
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| Likhubula Falls |
Am späten Vormittag kamen
wir dann wieder in Mulanje an, mit Muskelkater an Stellen des
Körpers, an denen man gar keine Muskeln vermutet... Ich glaube nicht
nur mir, sondern auch Mary fiel der Abschied vom Mt. Mulanje und von
Simon und Jones schwer, als wir uns wieder in den Minibus nach
Blantyre gesetzt haben. Am Abend waren wir dann wieder in Lilongwe -
zumindest körperlich. Der Kopf mit all seinen Gedanken ist noch eine
Weile bei den Bergen geblieben!
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